Eine Tastatur fürs Leben?!

Eine Tastatur fürs Leben?!

Neulich habe ich auf Twitter genörgelt1, es wäre schwierig eine solide mechanische Tastatur ohne irgendwelches Gaming-Klim-Bim zu finden. Das stimmt so nicht ganz. Allerdings ist die Auswahl sehr begrenzt.

Aber der Reihe nach…

Vorgeschichte

Seit einiger Zeit nutze ich eine Apple Bluetooth Tastatur (ohne Nummernblock) als Teil meines privaten Computersetups. Richtig anfreunden konnte ich mich mit dem Tastenbrett nie wirklich. Ein wohliges Tippgefühl, sollte es so etwas geben, wollte sich zu keinem Zeitpunkt einstellen. Zum einen geben die Tasten für mich kein ausreichendes Feedback während des Schreibens. Zum Anderen fühlen sich die Tasten etwas klapprig an. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich, zu Ungunsten des kompakten und minimalistischen Layouts, auf keinen Fall auf einen Nummernblock verzichten möchte.

Nach einer der letzten ausgedehnten Tipp-Marathons war dann endgültig klar: Es muss eine andere Tastatur her.

Nerdprobleme

Schnell erinnerte ich mich an einige Modelle der Firma Cherry, mit denen ich in der Vergangenheit gute Erfahrungen gesammelt hatte. Nach nur wenigen Minuten des Suchens stößt man beim Thema Tastatur schnell auf den Begriff mechanische Schalter. Genauso schnell stellt man aber auch fest, dass es hier, wie sollte es auch anders sein, um eine Glaubensfrage der verschiedenen Modelle und Varianten geht. Der gemeine Nerd kennt das Problem nur zu gut: Nur mal eben kurz über ein Thema informieren und ehe man sich versieht, schlägt man sich durch das Dickicht der meinungsstarken Empfehlungen und vermeintlich objektiven Testberichte. Allein über die verschiedenen mechanischen Schalter lässt sich ein tagesfüllendes Programm aus YouTube-Rezensionen und Forenbeiträge zusammenstellen.

Anforderungen

Die Anforderungen an eine Tastatur sind natürlich sehr individuell. Es gibt an sich kein Richtig oder Falsch. Empfehlungen lassen sich daher auch schlecht aussprechen. Allerdings lassen sich die verschiedenen Eigenschaften und Bedürfnisse einigermaßen objektiv zusammenfassen. Daher versuche ich an dieser Stelle einmal meine Anforderungen an ein Tastenbrett zu formuliert:

Eine Tastatur fürs Leben also.

Schalterparade

Vorab möchte ich ein paar Worte zu den 79 bis 112 Herzstücken einer jeden mechanischen Tastatur, den Schaltern, verlieren. Dabei soll es an dieser Stelle keine umfangreiche Zusammenfassung zu allen am Markt verfügbaren Schaltern geben. Für mich lag das Interesse von Anfang an eher auf der traditionellen Cherry MX-Reihe. Durch das gewünschte taktile Feedback scheiden einige Modellvarianten grundsätzlich aus. Übrig bleiben für mich daher folgende Ausführungen:

Der MX-Blue Schalter ist das wohl bekannteste und verbreitetste Modell. Neben der angesprochenen taktilen gibt der Schalter beim Betätigen auch eine akustische Rückmeldung. Dadurch wird die Geräuschkulisse bei Schnellschreibern sehr laut. Für Großraumbüros und bei empfindlichen Arbeitskollegen oder Mitbewohnern ist dieser Schalter wohl nicht der Richtige. Das Aktivierungsgewicht, welches nötig ist um einen Schalter auszulösen, beträgt hier 50g.

Genau wie der MX-Blue Taster zählt der MX-Brown zu den ältesten und damit erprobtesten Produkte von Cherry. Entgegen der blauen Variante fehlt es diesem Schalter an akustischem Feedback. Das Aktivierungsgewicht beträgt hier etwa 45g. Über die taktile Rückmeldung verfügen jedoch beide Schalter. Dadurch ist das Geklapper erheblich leiser. Jedoch bietet auch diese Variante kein geräuschloses Tippen. Das ganze Konzept der mechanischen Tastatur beruht, wie der Namen schon aussagt, auf dem Einsatz von beweglichen Teilen. Das anschlagen der Tasten auf dem Tastensockel verursacht, je nach Druck, ebenfalls ein nicht zu verachtendes Klacken.

Die MX-Clear Variante verhält sich ähnlich der MX-Brown Linie. Die Modelle unterscheiden sich im Wesentlichen durch das Aktivierungsgewicht, welches bei den MX-Clear etwas höher liegt. Zur Aktivierung der Schalter ist ein Druck von 55g notwendig. Hier ist anzumerken, dass die MX-Clear Schalter relativ selten in der freien Wildbahn anzutreffen sind.

Die MX-Green Reihe der Cherry Schalter fordert einen sehr hohen Aktivierungsdruck von 80g ein und ist ansonsten identisch zur MX-Blue Baureihe. Diese Schalter eignen sich wohl eher für die grobmotorischen Hacker mit Hang zur sportlichen Verausgabung an der Tastatur.

Meine Wahl fällt auf die MX-Brown Baureihe. Gerne hätte ich auf die MX-Blue Variante zurückgegriffen, allerdings scheint die damit einhergehende Geräuschentwicklung nicht unbedingt sozialverträglich zu sein.

Wer wirklich sicher gehen will, den richtigen Schalter für sich zu finden, sollte seine Favoriten testen. Entweder im Elektronikmarkt des geringsten Misstrauens oder mit Hilfe von Schalter-Sets3, die sich über verschiedene Quellen beziehen lassen.

Marktübersicht

Auf Informationsbeschaffung und Anforderungsdefinition folgt dann, wie im BWL Handbuch zu lesen, immer die Marktanalyse.

Es gibt einige Hersteller die den Markt für mechanische Tastaturen bedienen. Viele davon mit Hauptaugenmerk auf die Gaming-Szene. Ausladende Plastikbomber mit LED-Kirmes unter den Tasten sind da keine Seltenheit. Zudem verfügen diese Modelle oft über programmierbare Zusatztasten. Deren Nutzung und Konfiguration setzt allerdings eine, oftmals nur für Windows-Systeme bereitgestellte Software auf dem PC voraus.

Das von mir präferierte Einsatzgebiet beschränkt sich, neben der normalen Bedienung des Betriebssystems, fast ausschließlich auf das Erfassen von Fließ- und Quelltext. Für mich sind damit die Tastaturen mit Gaming-Fokus uninteressant.

Übrig bleiben, nach kurzer Recherche, einige wenige Modelle und noch weniger Hersteller. Folgende Tastaturen kamen für mich in die engere Auswahl:

Grundsätzlich handelt es sich bei all den aufgezählten Klimperkästen um hochpreisige und hochwertige Peripherie. Ich behaupte an dieser Stelle, dass man mit keinem der genannten Modelle etwas falsch machen kann. Jedoch lässt der Preisbereich von 130 EUR und aufwärts auch einiges von den Produkten erwarten.

Den Das Keyboard Modellen wird in den verschiedenen Testberichten im direkten Vergleich die etwas schlechtere Verarbeitung nachgesagt. Ich selbst kann dies nicht beurteilen, da ich noch keines der Modelle des Herstellers ausprobiert habe. Zu guter letzt haben mich auch die umfangreiche Personalisierungsmöglichkeiten von WASD Keyboards überzeugt. Dazu gleich mehr.

Von den beiden angebotenen Modellen scheidet für mich die CODE Tastatur aus, da diese über kein ISO/IEC 9995-2:2009 Layout verfügt, sondern ausschließlich im US-International4 Layout angeboten wird.

Bei dem Modell V2 von WASD Keyboards bleibt dem potentiellen Käufer die Wahl zwischen den beiden Belegungen. Darüber hinaus lassen sich auch die gewünschten Schalter frei wählen. Wem das noch nicht reicht, kann die Tastenkappen der gesamten Tastatur individuell gestalten. Das Angebot reicht von blanko Tastenkappen über farbliche Hervorhebung einzelner Tasten bis hin zum Bedrucken der gesamten Tastenoberflächen mit eigenen Bildern.5

Die WASD Keyboards V2 Tastatur erlaubt dem Nutzer, genau wie das CODE Modell, über DIP-Schalter auf der Unterseite, verschiedene Modi einzustellen. Darüber lässt sich bspw. zwischen Windows und Mac Layout umschalten. Darüber hinaus lassen sich noch das Dvorak6 oder Colemak7 Tastenlayout konfigurieren. Auch die Funktion der OS Tasten kann aktiviert oder deaktiviert werden.

Beschaffung

Die Tastaturen von WASD Keyboards lassen sich bislang nur direkt aus den USA beziehen.
Die Bestellung gestaltete sich in meinem Fall einfacher als gedacht. Bezahlt werden kann mit PayPal und die Lieferung erfolgt mit FedEx bzw. UPS, ohne Probleme auch an eine deutsche Anschrift. Alles in allem lag der Einkaufspreis bei umgerechnet etwa 185 EUR. Der Preis variiert je nach ausgewähltem Schalter-Typ und welche Sonderwünsche sonst noch konfiguriert werden.

Erster Eindruck

Mit etwas mehr als einer Woche Lieferzeit trudelte die Tastatur, schneller als gedacht, ein. Geliefert wird das Hackbrett in einem soliden Karton mit dem nötigsten aber hochwertigen Zubehör.

Tastatur

Die Tastatur wird mit einem abnehmbaren, 1,8m langen Micro-USB auf USB Typ A Kabel und einem PS/2 Adapter geliefert. Außerdem enthält der Lieferumfang einen Tastenabzieher und eine kleine Übersicht der verschiedenen DIP-Schalter Einstellungen.

Lieferumfang: Tastatur, Kabel, Adapter, Tastenabziehen und DIP-Schalter Plan
Tastatur

Das relativ hohe Gewicht von 1098g und vier zbw. sechs großflächige Gummistreifen auf der Unterseite sorgen für ein absolut rutschfreies Arbeiten, selbst bei engagierter Texteingaben. Über zwei kleine Kunststofffüße lässt sich der Winkel der Tastatur erhöhen. Dabei liegt die Peripherie dann allerdings nur noch auf zwei der Grummistreifen auf. Insgesamt steht das Keyboard dadurch aber immer noch ausreichend solide, auch auf glatten Oberflächen.

Tastatur

Das Gehäuse ist aus ABS gefertigt und sauber verarbeitet. Ungleiches Spaltmaß oder Knarz-Geräusche unter Druck sucht man hier vergebens. Ebenfalls positiv fällt die hohe Verwindungssteife der Tastatur auf. Das Gehäuse kommt ohne Aufdrucke oder Logos daher und trägt damit zum minimalistischen Gesamteindruck bei. Lediglich ein Aufkleber auf der Unterseite der Tastatur verrät den Hersteller und die Modellbezeichnung. Die Abmessungen der Tastatur betragen 445mm x 142mm x 30mm.

Linke Seite der Tastatur
Vorderseite der Tastatur

Die Tastenkappen sind ebenfalls aus ABS hergestellt und machen einen ebenso soliden Eindruck wie der Rest.

Cherry MX-Brown Schalter
Tastenkappen

Das mitgelieferte Kabel ist ausreichend lang und lässt sich über die Fünf-Wege-Kabelführungen auf der Unterseite der Tastatur bequem verlegen. Über USB angeschlossen ist es möglich, sechs Tastendrücke auf einmal zu verarbeiten. Die PS/2 Schnittstelle ermöglicht die Registrierung von theoretisch unbegrenzten zeitgleichen Tastendrücken.

Unterseite der Tastatur
Gummistreifen und Kunststofffüße

Hauptverantwortlich für das Tippgefühl sind die mechanischen Schalter. Hier profitiert der Nutzer von der langjährigen Erfahrung der Firma Cherry. Das Tippen auf dem WASD Keyboard V2 ist bei einem Umstieg von einer sehr flachen Apple Tastatur etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wege, die von den Fingern zurückgelegt werden müssen, sind durch die hohen Tastenkappen etwas länger. Das Muskelgedächtnis ist allerdings schnell umgewöhnt und schon nach kurzer Zeit möchte ich nicht mehr zurück wechseln.

Ich habe mich für eine Version ohne Tastenbeschriftung entschieden. Ich war anfangs etwas unsicher, ob das zu einem Problem werden könnte. Allerdings verschwanden die Bedenken schon nach kurzer Nutzung. Als kleine Hilfestellung sind die reinen Sondertasten auf meiner Tastatur farblich abgesetzt. Allerdings wäre auch dies nicht nötig gewesen. Durch die fehlende Beschriftung ist der Gesamteindruck natürlich noch minimalistischer als ohnehin schon. Aber auch hier sind die Geschmäcker natürlich verschieden.

Tastatur
Tastatur
Tastatur

Der Status der Num Lock- , Caps Lock- und Scroll Lock-Taste wird über drei rote, unbeschriftete LEDs über dem Nummernblock angezeigt.

Abschließend kann ich das WASD Keyboards V2 bedenkenlos weiterempfehlen. Auch wenn die Anschaffung nicht ganz günstig ist. Ich denke damit das Tastaturen-Problem für mich ein für alle mal geklärt zu haben. Eine Tastatur fürs Leben also.

tl;dr

Wer Wert auf ein gutes Tippgefühl auf einer Tastatur legt, kommt um ein mechanische Modell kaum herum. Die Auswahl hält sich, die Gaming-Geräte mal außen vor gelassen, in Grenzen. Da die Anforderungen an eine Tastatur sehr individuell sind, kann eigentlich keine pauschale Empfehlung gegeben werden. Jeder der Wert auf gute Verarbeitung und Individualisierbarkeit legt, sollte sich allerdings mal das Angebot von WASD Keyboards anschauen.